Die 1968er-Bewegung hat gesamtgesellschaftlich gegen den „Muff von 1000 Jahren“ revoltiert und dadurch ordentlich Staub aufgewirbelt. Die Aufarbeitung der triefenden Nazi-Kontinuitäten an den Universitäten, der antiimperialistische Kampf für Frieden in aller Welt (gegen den Vietnam-Krieg), die marxistische Neubestimmung der Wissenschaft und eine neue Kultur politischer Praxis formten eine Einheit als Selbstbefreiung des Menschen.
Das zentrale Kampffeld dafür bildeten Wissenschaft und Hochschule, die zur Kritischen Universität transfomiert werden sollte:
„Die ‚Kritische Universität‘ ist die Rückbesinnung auf den ursprünglichen Inhalt von Wissenschaft als Prozeß der Selbstbefreiung des Menschen durch Aufklärung. Die gesellschaftliche Situation und ihre Möglichkeiten sollen analysiert werden, immer unter dem Aspekt der Veränderbarkeit in Richtung auf die Vermenschlichung der Gesellschaft. Dieser ursprüngliche Inhalt von Wissenschaft ist identisch mit dem Begriff der Demokratie“ (Rudi Dutschke, Stern-Interview vom 26.11.1967)
Darin eingebettet wurde Politik nicht als etwas Abstraktes oder in erster Linie für andere zu Tuendes praktiziert. Rudi Dutschke war klar, „daß auch die Erzieher erzogen werden müssen und daß dieses nur durch ein Zusammenfallen von Selbstveränderung und Ändern der gesellschaftlichen Umstände, durch revolutionäre Praxis vonstatten gehen kann. Entsprechend verstand er den Sozialismus »nicht als Mythos der Ferne oder der Vergangenheit«, wie er einmal schrieb, »sondern als konkret-utopische Perspektive der neuen Lebensqualität«, als »aufrechten Gang in Richtung Freiheit«.“ (Christoph Jünke in der Jungen Welt vom 11.04.1998)
Die von den ’68ern radikal demokratisierten Hochschulen und die tendenziell gesellschaftskritische Wissenschaft ist im Zuge des Neoliberalismus massiv den Interessen der verwertungsorientierten Wirtschaft unterworfen worden. Unter dem Schlagwort „Unternehmerische Hochschule“ ist u.a. die Wissenschaftsfinanzierung durch Drittmittel auf heute über 25 % der Gesamtfinanzierung der Hochschulen und ihrer Forschung gestiegen, die Bottum-Up-Gremienstruktur von Management-Elementen zurückgedrängt und das Studieren zur Kreditpunktejagd degradiert worden. Eine Erscheinung dieser Entwicklung ist die Wiedereinführung von Professorien (früher: Ordinarien) als ständisches Entscheidungsgremium quer zu den demokratischen Strukturen, in die sich der Präsident einlädt, wenn es um wirklich wichtige Fragen gehen soll.
Weil Markt und Autoritarismus wissenschafts- und emanzipationsfeindlich sind, war die neoliberale Zurücknahme der 68er-Erfolge hart umkämpft. Im Kontext der so erreichten allgemeinen Delegitimierung des „entfesselten Marktes“, spätestens durch die Vertiefung der jüngsten Krise, sind wir dabei, die ideologisch erschöpfte „Unternehmerische Hochschule“ zu überwinden. Durch die Neubelebung von „Wissenschaft als Moment der Selbstbefreiung des Menschen von unbegriffenen Mächten“ (Dutschke) in der Studienreform, der (Re)Demokratisierung und dem Kampf für die Ausfinanzierung der Hochschulen. Dabei greifen wir auf im Zuge bzw. Nachgang der ’68er-Revolte erarbeitete Konzepte z.B. des Projektstudiums (Studium als Gesellschaftsveränderung) oder der gruppenparitätisch verwalteten Gremienuniversität (Hochschulgesetz von 1969) zurück.
Daran anknüpfend wollen wir gemeinsam mit euch am Montag, den 27. April, um 18.30 Uhr den Dokumentarfilm „Bilderbuch einer Revolte“(1993) über 1968 anschauen und diskutieren, wie insbesondere der kulturelle Ausbruch aus den Einschränkungen des Bachelor-Master-Terrors und der Burn-Out-Kultur gelingen kann.
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