„Wer Bücher verbrennt, verbrennt auch Bibliotheken, bombardiert offene Städte, schießt mit Ferngeschützen oder Fliegerbomben Gotteshäuser ein. Die Drohung, mit der die Fackel in den Bücherstapel fliegt, gilt nicht dem Juden Freud, Marx oder Einstein, sie gilt der europäischen Kultur, sie gilt den Werten, die die Menschheit mühsam hervorgebracht und die der Barbar anhaßt, weil er halt barbarisch ist, unterlegen, roh, infantil.” (Arnold Zweig)
Vor nunmehr 81 Jahren, am 15. Mai 1933 brannten am Kaiser-Friedrich-Ufer die Bücher. Diese Bücherverbrennungen, die überall in Deutschland stattfanden, waren maßgeblich durch NS-Studentenorganisationen, Burschenschaftler und Professoren organisiert worden. Es nahmen Nazis und „normale Bürger“ teil. Sich an die Bücherverbrennungen zu erinnern, bedeutet sich an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Jenewaren „das Vorspiel nur“(Heine) für die mörderischen Verbrechen der Nazis und folgten dem gleichen Geist. Die Verbrennungen richteten sich gegen Bücher in denen und AutorInnen bei denen „undeutscher Geist“ zum Ausdruck kam, vornehmlich gegen SchriftstellerInnen und WissenschaftlerInnen, die jüdisch oder jüdischer Abstammung waren, aber auch gegen SozialistInnen, KommunistInnen, PazifistInnen. Sie richteten sich somit auch gegen das Eintreten für Gleichheit und Frieden generell, gegen das Anprangern von nationalem Chauvinismus, Kriegstreiberei, Antisemitismus und Rassismus. Es istunsere Aufgabe, das Gedenken an die AutorInnen, ihre Texte und Ideen aufrechtzuerhalten und von ihnen zu lernen, damit so etwas nie wieder passiert!
Dies bedeutet auch die Aufarbeitung der Schrecken des Nationalsozialismus, seiner Verbrechen und der Umstände, die zu ihm führten. Den deutschen Akademikern um 1933 ist zum größten Teil ein „verdinglichende[s], zur Erfahrung nicht recht fähige[s] Bewußtsein“ zu attestieren: Sie bewegten sich „innerhalb jener Stereotypen, die von Denken gerade aufzulösen wären“(Adorno) und trieben somit nicht nur die Selbstzerstörung eines reichen kulturellen Erbes und der Wissenschaft voran, sondern ebenso auch die Selbstzerstörung der Menschheit. Die Verstrickung antisemitischer, völkischer und kriegstreiberischer Ideologie und universitärer Wissenschaft wird daran deutlich. Dabei wäre es gerade die Aufgabe der Akademiker gewesen, der Stereotypie und den einfachen Antworten entgegenzutreten, die enge Verflechtung zwischen wirtschaftlichen Interessen und deutschem Faschismus, sowie die Wirkmechanismen kapitalistischer Wirtschaft aufzuzeigen, anstatt „Volkstum“ und Härte zu beschwören und gegen eine„Verjudung des deutschen Geistes“(Heidegger) anzureden. Sie hätten die ökonomische Ordnung anzugreifen gehabt, in der Menschen sich hauptsächlich als Mittel zum Zwecke, bloßes Menschenmaterial, begegnen und somit die Gleichgültigkeit gegenüber eigenem und fremdem Leid zum Prinzip erhoben wird.
Was bedeutet das für uns heute? In Zeiten von Konkurrenz und Leistungszwang finden sich wieder Anknüpfungspunkte für Ideologien, die die Ungleichheit naturgegeben hinnehmen: Rassismus, Antisemitismus und Klassismus haben als einfache Erklärungen schwieriger Verhältnisse ihren Reiz. Dass die deutsche Regierung in Europa wiedermal eine imperialistische Politik zur Durchsetzung eigener Interessen betreibt und mitnichten der Verlierer der Krise ist, wird dabei verdrängt. Anstatt weniger für alle zu fordern, wäre das gemeinsame Interesse zu erkennen. Der ideologischen Verwahrlosung entgegenzuwirken bedeutet an der Uni „Wissenschaft im Dienst der Menschen“ zu betreiben, wie es im Leitbild der Uni Hamburg heißt. Sie will an einer„friedliche[n]und menschenwürdige[n]Welt“ mitarbeiten.Für uns als Unimitgliederbedeutet dies, die Ursachen der Diskriminierung zu bekämpfen, unseren Beitrag zu einer friedlichen Entwicklung der Welt zu leisten (Zivilklausel als Anfang, Solidarität mit den Geflohenen und Bekämpfung der Ursachen der Flucht), uns gegen ökonomische Zurichtungen wehren und Demokratie in der Uni (in Gremien und Veranstaltungen) zu leben und einzufordern, damit die Bildung mündiger Menschen gelingt.
Es ist die Aufgabe der Wissenschaft, nach Verhältnissen zu streben, in der Menschen sich als Gleiche begegnen können. Wissenschaft muss stets die „Aneignung der die Menschen gemeinsam angehenden Frage- und Problemstellungen“(Klafki) sein.Die Gegenwart muss unter Einbezug der Geschichte, die zu ihr führte, betrachtet werden.Daraus muss versucht werden, Ableitungen für die Zukunft zu treffen.An einer Uni, an der bspw. ein Gründer der „Alternative für Deutschland“ Professor(für Makroökonomie!) ist, häufig immer noch (oder wieder) unreflektiert reaktionäre und revisionistische Lehrinhalte vermittelt werden und in unmittelbarer Nähe zum Campus die rechtsradikale Burschenschaft Germania zu Königsberg ein Haus besitzt und ihre Mitglieder auf dem Campus Nachwuchs zu werben versuchen, bleibt noch viel zu tun! Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!
14. Marathonlesung zur Erinnerung an die Bücherverbrennungen vor 81 Jahren
Donnerstag, 15. Mai 2014 – 11:00 bis 18:00 Uhr
Platz der Bücherverbrennung, Kaiser-Friedrich-Ufer/Ecke Heymannstraße, Eröffnung: Esther Bejarano
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